Indianer verübten keinen Massenmord an Tieren

Am Ende der letzten Eiszeit vor über zehntausend Jahren verschwanden 35 Großtierarten aus Nordamerika. Weil an den Lagerplätzen der ersten Ureinwohner Jagdwaffen und Mammut-Knochen gefunden wurden, gab man den Indianern die Schuld am Aussterben der Megafauna. Statistische Modelle belegen die zwangsläufige Veränderung des nacheiszeitlichen Ökosystems durch den Menschen. Nach Auffassung des Anthropologen Donald K. Grayson von der Universität von Washington wurde den dramatischen Klimaveränderungen bisher zu wenig Gewicht gegeben. Sie seien für das Massensterben verantwortlich.

Die gewaltigen Gletscher des Pleistozäns verhinderten ein Vordringen arktischer Luftmassen in den Süden des Kontinents. In dem gemäßigten Klima hinter diesem Schutzschild entwickelte sich eine vielfältige Flora. Sie bot zahlreichen Pflanzenfressern Nahrung und Lebensraum: Pferde, Kamele, Bären, Riesenfaultiere, Säbelzahntiger, Mastodonten und Mammuts. Die ersten menschlichen Einwanderer wurden zweifellos von dieser leichten Jagdbeute aus Asien angelockt. Im Tierreich gab es keine nennenswerte Konkurrenz für sie.

Die so genannte Clovis-Kultur der amerikanischen Ureinwohner wird anhand von Speerspitzen mit einer bestimmten Form erkannt. An über einem Dutzend Jagdplätzen im Westen der USA wurden diese Waffen zusammen mit Mammutknochen aus einer Zeit vor 10.800 bis 11.300 Jahren gefunden. Paul Martin von der Universität von Arizona stellte deshalb 1967 die Theorie auf, dass die Clovis-Jäger für das Aussterben der nordamerikanischen Großsäugetiere verantwortlich seien.

In einem Beitrag, der im „Bulletin“ des Naturhistorischen Museums von Florida erscheinen wird, unterzieht Donald K. Grayson diese „Overkill-Hypothese“ einer strengen Kritik: „Es gibt keinen Beweis für die Veränderung der Umwelt durch den Menschen in Nordamerika. Allerdings haben wir Beweise für eine Klimaveränderung. Die Overkill-Hypothese ist schlechte Wissenschaft, weil sie sich gegenüber dem empirischen Befund verschließt.“

Grayson weist vor allem darauf hin, dass von den ehemals 35 Großtierarten bereits zwanzig ausgestorben waren, als die Clovis-Kultur aufblühte. Nur weil einige dieser Tierarten etwa gleichzeitig mit dem Auftreten des Menschen verschwanden, schließen viele Forscher darauf, dass die gesamte Megafauna zur selben Zeit ausgelöscht wurde. Der genaue Zeitpunkt des Artentods ist aber meist nicht bekannt.

Nach neueren Funden waren die Clovis-Jäger auch nicht die ersten Menschen in der Neuen Welt. Im heutigen Chile und Brasilien lebten Ureinwohner bereits vor über 13.000 Jahren, ohne dass eine dramatische Veränderung ihrer Umwelt beobachtet werden kann.

Nach Ansicht des amerikanischen Anthropologen entspricht die Overkill-Hypothese vielmehr den Erwartungen des jüdisch-christlichen Weltbilds: „Es gibt keinen Grund anzunehmen, dass sich die frühen Bewohner von Nordamerika so verhalten haben, wie es Martin in seiner Theorie behauptet.“

Der sehr viel deutlichere Einfluss der Klimaveränderung am Ende der Eiszeit werde einfach übersehen: „Die Anhänger der Massenmord-Theorie behaupten, dass diese Tiere nicht ausgestorben wären, wenn die Menschen sie nicht getötet hätten, und dass es auch heute noch ökologische Nischen für sie gibt. Für diese exotischen Tierarten existieren jedoch keine Lebensräume mehr. Sonst gäbe es diese Pflanzenfresser immer noch.“

Freilebende Kamele und Elefanten im Südwesten der Vereinigten Staaten widersprechen ganz einfach den heutigen Umweltbedingungen. Nicht der Mensch, sondern die Veränderung des Klimas nahm ihnen den Raum zum Leben. Obwohl Grayson im wesentlichen keine neuen Beweise vorlegen kann, weist er doch auf empfindliche Lücken in der herrschenden Lehrmeinung hin. Seine Warnung gilt dem vorschnellen Beweis von Theorien, die einem bestimmten Weltbild entsprechen.

Text: Hartmut Krech

Forschung: Joel Schwarz: „Blame North America megafauna extinction on climate change, not human ancestors“, University of Washington, 24.10.2001.

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