Größter Nager ähnelte Meerschweinchen

Bei Nagetieren denkt man zunächst an quiekende Mäuse und possierliche Meerschweinchen. Vor fünf bis elf Millionen Jahren streiften jedoch Nager vom Format eines Büffels durch Südamerika, berichtet eine internationale Forschergruppe im Magazin „Science“. Anhand kürzlich gefundener Knochenreste schätzen die Biologen, dass die Riesen mindestens 700 Kilogramm auf die Waage brachten.

Rekonstruktion des Phoberomys Bild: Science / Illustration: Carin L. Cain

„Man stelle sich ein merkwürdiges, aber sehr großes Meerschweinchen vor“, beschreibt Marcelo Sánchez-Villagra von der Universität Tübingen das riesenhafte Tier, „mit einem langem Schwanz zum Halten der Balance und kontinuierlich wachsenden Zähnen.“ Vermutlich hielt sich der etwa drei Meter lange Nager bevorzugt am Flussufer auf, fraß Seegras und musste vor nicht minder imposanten Krokodilen auf der Hut sein.

Phoberomys pattersoni, so der Name der Art, war bislang nur durch einzelne Zähne und Knochenfragmente bekannt. Das in der Urumaco-Formation im Nordwesten Venezuelas gefundene Skelett ist dagegen fast vollständig erhalten und gestattet neue Einsichten in Körperbau und Lebensweise der Riesennager. Weitere Fossilien von der gleichen Fundstätte – unter anderem riesige Schildkröten, Süß- und Salzwasserwelse und Schalen von Weichtieren – lassen darauf schließen, dass in jener Gegend vor rund acht Millionen Jahren ein großer Fluss in das Karibische Meer mündete.

„Im Norden Venezuelas findet sich der Schlüssel zur Lösung vieler Rätsel der Paläontologie und Tierevolution“, so Sánchez-Villagra. „Dennoch wissen wir nur sehr wenig über dieses Gebiet, da von Vegetation bedeckte Regionen nicht unbedingt ideal für die Suche nach Fossilien sind.“

Die meisten Funde zur ehemaligen Fauna und Flora Südamerikas stammten aus dem Süden des Kontinents. Nun beginne sich langsam ein Gesamtbild Südamerikas abzuzeichnen.

Forschung: Marcelo R. Sánchez-Villagra, Spezielle Zoologie, Fakultät für Biologie, Universität Tübingen; Orangel Aguilera, Universidad Nacional Experimental Francisco de Miranda, CICBA, Santa Ana de Coro, Falcón; Inés Horovitz, Department of Organismic Biology, Ecology, and Evolution, University of California, Los Angeles; in „Science“, Vol. 301, 19.9.2003, pp 1708-1710

Weiter im Web:
Homepage of Marcelo R. Sánchez-Villagra
Introduction to the Rodentia

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