Saurierklaue: Steigeisen statt Schlitzmesser

Dromaeosaurier besaßen große sichelförmige Klauen an ihren Zehen. So Furcht erregend diese Waffen auch wirken mögen, dürften sie eher zum Festhalten an der Beute denn zu deren Aufschlitzen gedient haben. Zu diesem Schluss kommen britische Paläontologen und Special-Effects-Experten nach Versuchen mit einem Modellbein. Die Resultate präsentieren sie im Fachblatt „Biology Letters“.

In Steven Spielbergs Film „Jurassic Park“ ist Velociraptor der unbestrittene „Bad Guy“. Zur Gruppe der Dromaeosauridae gehörend, trugen die Zweibeiner an jedem Fuß eine lange, sichelförmig gebogene Klaue. „Es wird allgemein angenommen, dass diese Klaue, in Kombination mit einer tretend-reißenden Bewegung des Beins, zum Aufschlitzen der Beute diente“, schreiben Phillip Manning von der University of Manchester und seine Kollegen.

Um diese Annahme zu testen, konstruierte die Gruppe anhand von Velociraptor- und Deinonychus-Fossilien ein mechanisches Saurierbein. Mit einer Hüfthöhe von einem halben Meter entspricht das Bein einem gut zwei Meter langen und 40 Kilogramm schweren Dromaeosaurier und schlägt mit einer Kraft von 981 Newton zu. An seinem Ende sitzt eine gut zehn Zentimeter lange Klaue aus Kevlar und Kohlefaser. In Anlehnung an fossile und moderne Reptilien und Vögel weist deren Innenseite nicht etwa einen scharfen Grat auf, sondern eine moderate Rundung.

An einem Schweinekadaver testeten Manning und Kollegen die Wirkung ihres Modells. Zu ihrer Verblüffung wurde das Fleisch fein säuberlich durchstoßen und dann von der sich einwärts drehenden Klaue derart komprimiert, dass keine Schneidbewegung stattfinden konnte. Die Tiefe der Wunde betrug maximal vier Zentimeter – zu wenig, um einem großen Pflanzen fressenden Dinosaurier ernsthafte Verletzungen zuzufügen oder gar seine inneren Organe zu erreichen.

Velociraptor und seine Verwandten dürften ihre Klauen eher zum Festhalten denn zum Aufschlitzen genutzt haben, folgern die Forscher: „Wir stellen uns vor, dass Dromaeosaurier ihre Beute ansprangen und sich in deren Flanken festkrallten.“ Derart verankert und kaum abzuschütteln, dürften sie dann ihre fein gezackten Zähne eingesetzt haben, um dem Opfer tödliche Wunden beizubringen – ähnlich heutigen Großkatzen.

Forschung: Phillip L. Manning, School of Earth, Atmospheric and Environmental Science und The Manchester Museum, University of Manchester; David Payne, Pennicott-Payne Ltd. Models and Special Effects, London; und andere; Vorab-Veröffentlichung „Biology Letters“, 11. Oktober 2005, DOI 10.1098/rsbl.2005.0395

Weiter im Web:
The Manchester Museum
Pennicott-Payne Ltd. Models and Special Effects
Dromaeosauridae – The Raptors!