Plateosaurus: Wachstumsstopp in schlechten Zeiten

Der „Plateosaurus engelhardti“ konnte seine Waschstums-Geschwindigkeit offenbar je nach Umweltbedingungen variieren. Das berichten zwei Bonner Paläontologen im Magazin „Science“. Einige Exemplare des „schwäbischen Lindwurms“ waren demnach schon mit weniger als fünf Metern Körperlänge ausgewachsen. Andere wuchsen dagegen noch, obwohl sie fast das Doppelte dieser Länge erreicht hatten.

Martin Sander Martin Sander bei der Untersuchung eines Dino-Knochens. Foto: E. Premru (Zum Vergrößern anklicken)

„Im Prinzip wuchsen Dinosaurier wie wir“, erklärt der Bonner Paläontologe Martin Sander: „Zu jedem Alter hatten sie eine bestimmte Körpergröße.“ Spielraum gab es dabei kaum. Reptilien machen das anders: Bei knapper Nahrung wachsen sie langsamer als bei reich gedecktem Tisch. Eine Schildkröte kann daher im selben Alter 30, 40 oder auch 60 Zentimeter lang sein. „Warmblüter dagegen können ihren Stoffwechsel nicht so einfach herunterfahren“, sagt Sander: „Wenn das Nahrungsangebot nicht reicht, gibt es nur eins: Sie sterben.“

Dinosaurier stehen irgendwo dazwischen: Sie stammen zwar von den Reptilien ab. Viele von ihnen waren jedoch bereits warmblütig, sind sich die meisten Forscher heute einig. Und alle wuchsen wie die heutigen Säugetiere: nach genetisch programmiertem Muster und zudem relativ schnell. „So dachte man zumindest bislang“, sagt Sander. „Unsere Ergebnisse werfen diese Vorstellung jedoch zumindest für einen Dinosaurier über den Haufen.“

Die Abweichung entdeckten die Forscher am „Plateosaurus engelhardti“, dessen fossile Überreste überwiegend in Schwaben gefunden wurden. Das Tier lebte vor etwa 200 Millionen Jahren, wurde bis zu 10 Meter lang und mehrere Tonnen schwer. Plateosaurus zählt zur Gruppe der Prosauropoden, aus denen später die gigantischen Riesendinosaurier hervorgingen.

Anschliff eines Dinosaurier-Knochens Polierter Anschliff einer Knochenprobe von Plateosaurus mit Wachstumsmarken, die zum Rand enger aufeinander folgen. Foto: Martin Sander (Zum Vergrößern anklicken)

Sander hat zusammen mit seiner Mitarbeiterin Nicole Klein Knochenfunde von Plateosaurus unter die Lupe genommen. Das Knochenwachstum verlief bei Sauriern mit kurzzeitige Unterbrechungen, so dass sich unter dem Mikroskop ähnlich wie bei Bäumen richtiggehend „Jahresringe“ ausmachen lassen.

Bei schnellem Wachstum ist der Abstand zwischen diesen Jahresringen größer. Das Knochengewebe ist dann von zahlreichen länglichen Höhlen durchzogen. „Bei vielen Tieren folgten die Jahresringe jedoch zumindest zeitweise deutlich dichter aufeinander“, sagt Sander. „In diesen Phasen scheinen die Saurier nur langsam gewachsen zu sein.“ An dem Knochenbau lässt sich auch ablesen, wann die Tiere ausgewachsen waren: „Manche hatten ihre maximale Größe schon
mit zwölf Jahren erreicht, andere wuchsen selbst mit 27 Jahren noch weiter – Funde von älteren Tieren haben wir nicht untersucht.“ Der kleinste Plateosaurus maß ausgewachsen nur 4,80 Meter, andere waren mehr als doppelt so lang.

Erstaunlich ist daran vor allem, dass alle anderen Dinos schön gleichmäßig zu wachsen schienen. Das gilt für die engsten Verwandten von Plateosaurus, aber auch für Saurier, die in der Evolution weit vor ihm auftauchten und denen man ein „reptilähnliches“ Wachstum daher vielleicht gerade noch zugetraut hätte. „Dieser Befund stellt uns vor ein Rätsel“, gibt Sander zu. „Natürlich kann Plateosaurus einfach nur eine Ausnahme sein. Sehr wahrscheinlich erscheint uns diese These aber nicht. Vielleicht hat man auch die bisherigen Knochenfunde nicht korrekt interpretiert. Oder der Dino-Stammbaum, wie wir ihn uns heute vorstellen, stimmt einfach nicht.“

Forschung: P. Martin Sander, Nicole Klein, Institut für Paläontologie der Universität Bonn, in „Science“, Vol. 310, 16.12.2005, pp 1800-2

Weiter im Web:
Institut für Paläontologie, Universität Bonn
Sauropod Dinosaurs: The Evolution of Gigantism

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