Dinosaurier-Sterben ließ Säuger kalt

Laut gängiger Lehrmeinung wurde der Weg für die Säugetiere erst frei, nachdem die Dinosaurier ihren unsanften Abgang von der Bühne der Evolution hatten. Ein neuer Stammbaum der heute lebenden Säugerarten, entwickelt von einer internationalen Forschergruppe, stellt diese Ansicht in Frage.

Die Linie des Klippschliefers Procavia capensis dürfte sich vor 83 Millionen Jahren von der Linie der Elefanten und Seekühe getrennt haben – lange vor dem Verschwinden der Dinosaurier. Foto: Richard Grenyer

Erst 15 Millionen Jahre nach dem katastrophalen Meteoriteneinschlag am Ende der Kreidezeit nahm die Entfaltung der Säugetiere erneut an Fahrt auf.

Erneut, weil sämtliche heute bekannten Säugerordnungen zum Zeitpunkt des Einschlags bereits seit mindestens 10 Millionen Jahren Seite an Seite mit den Sauriern lebten, berichten Olaf Bininda-Emonds von der Technischen Universität München und seine Kollegen im Magazin „Nature“. Entweder handle es sich bei dem neuerlichen Entwicklungsschub um einen bemerkenswerten Fall von „Spätzündung“, oder aber er sei völlig unabhängig von dem Einschlag und seinen Folgen.

Die Forscher verglichen 66 Gene von 4.510 der 4.554 im Jahr 1993 beschriebenen Säugetierarten. Mit Fossiliendaten als Fixpunkten, schätzen sie anhand der Sequenzunterschiede, wie viel Zeit seit der Trennung der einzelnen Linien vergangen ist. Das Resultat: Vor etwa 167 Millionen Jahren trennte sich die Gruppe der Kloakentiere (heute vertreten durch Schnabeltier und Ameisenigel) von den Vorläufern von Beuteltieren und Plazentatieren. Letztere trennten sich vor knapp 148 Millionen Jahren.

Es folgte eine Pause von etwa 50 Millionen Jahren. Dann entstanden in extrem rascher Folge alle vier Überordnungen der Plazentatiere und vor 75 Millionen Jahren waren auch alle heutigen Ordnungen vorhanden. Möglicherweise steht diese frühe Explosion der Säugervielfalt in Verbindung mit der Entfaltung der Blütenpflanzen oder einem Rückgang der Temperaturen, schreiben die Forscher.

Ihrer Analyse zufolge, überstanden nicht weniger als 46 Säugerlinien den Einschlag vor 65 Millionen Jahren. Zwar zeigten einige davon unmittelbar nach der Katastrophe tatsächlich eine verstärkte Entfaltung, haben jedoch nicht bis heute überlebt. Der deutlich später folgende Entwicklungsschub bestand dann vornehmlich in der Bildung neuer Familien. Die Frage nach den Gründen für diese späte Blüte dürfte Forscher aus den verschiedensten Disziplinen noch für längere Zeit beschäftigen, schließen Bininda-Emonds und Kollegen.

Forschung: Olaf R.P. Bininda-Emonds, Lehrstuhl für Tierzucht, Technische Universität München, Freising-Weihenstephan; Marcel Cardillo und Andy Purvis, Division of Biology und NERC Centre for Population Biology, Imperial College London; und andere; in „Nature“, Vol. 446, 29.3.2007, pp 507-12, DOI 10.1038/nature05634

Weiter im Web:
Homepage Olaf Bininda-Emonds
Purvis Lab, Imperial College London
Fossil Discoveries and Mammal Evolution
Hall of Mammals

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