Erste Plattfische „schielten“

Die seltsame Anatomie der Plattfische hat sich nicht auf einen Schlag entwickelt, sondern nach und nach. Ein bislang unbekanntes Zwischenstadium in dieser Entwicklung hat ein amerikanischer Biologe entdeckt. In den Sammlungen europäischer Museen fand er das Fossil eines Fischs, bei dem das eine Auge zwar deutlich zur Scheitellinie gewandert ist, diese aber noch nicht überquert hat.

Schielender Plattfisch Foto: Matt Friedmann

Bei den Larven der modernen Plattfische, beispielsweise Scholle oder Heilbutt, wandert ein Auge dagegen vollständig auf die andere Seite des Kopfes. Gut getarnt, liegen die Tiere mit dieser Körperseite nach oben am Meeresgrund und können beidäugig nach Beute oder Fressfeinden spähen.

Offenbar hatte aber auch die Zwischenstellung ihre Vorzüge, schreibt Matt Friedman von der Universität Chicago und vom Field Museum im Magazin „Nature“. Auch heutige Plattfische machten mitunter regelrechte Liegestütze, indem sie ihre Flossen gegen den Untergrund und so den Körper in die Höhe drückten. Vielleicht hätten die urtümlichen Plattfische dieses Verhalten regelmäßig gezeigt – und dabei den Meeresgrund mustern und gleichzeitig das Wasser über sich im Auge behalten können.

Über die Ursprünge der Plattfische (Pleuronectiformes) ist nur wenig bekannt. Bereits Charles Darwin hatte seine liebe Not, die scheinbar schlagartige Augenwanderung zu erklären. Friedman studierte nun ein Fischfossil aus dem Naturhistorischen Museum Wien. Eingebettet in 45 Millionen Jahre alten Kalkstein, ist der Schädel des ausgewachsenen Tieres stark asymmetrisch gebaut: Das Stirnbein ist auf der rechten Körperseite kräftig ausgebildet, auf der linken dagegen nur ein dünner Balken über der gen Scheitel verschobenen Augenhöhle. Anhand des Fossils beschreibt Friedman eine neue Gattung und Spezies Heteronectes chaneti.

Ähnliche Verhältnisse fand der Forscher auch bei Exemplaren der Gattung Amphistium. Ebenfalls nur aus Fossilien bekannt, war diese Gattung aufgrund ihrer seltsamen Merkmalskombination immer wieder anderen Ästen im Fisch-Stammbaum zugeordnet worden. Der asymmetrische Schädelbau sei bislang jedoch nicht aufgefallen, so Friedman. Nun sei klar, dass es sich ebenfalls um urtümliche Plattfische handle.

Forschung: Matt Friedman, Committee on Evolutionary Biology, University of Chicago, und Department of Geology, The Field Museum, Chicago; Veröffentlichung in „Nature“, Vol. 454, 10. Juli 2008, pp 209-12, DOI 10.1038/nature07108

Weiter im Web:
Matt Friedman, University of Chicago
Field Museum of Natural History
Flatfish

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