Der Zufall half den Dinosauriern

Die Dinosaurier stiegen vor rund 200 Millionen Jahren zu den Herrschern der Erde auf. Das war kein Zeichen von Überlegenheit, sondern nur ein Zufall, glauben britische und US-amerikanische Forscher. Konkurrierende Archosaurier, für über 30 Millionen Jahre Rivalen um die Vorherrschaft, haben demnach einfach großes Pech gehabt.

Verschiedene Saurier aus der Gruppe der Crurotarsi Archosaurier aus der Gruppe der Crurotarsi. Die Schädel zeigen, welche vielfältige Formen sich innerhalb der Gruppe entwickelt hatten. (Zum Vergrößern anklicken!)
Oben links Batrachotomus, rechts Postosuchus
Mitte links Nicrosaurus, rechts Aetosaurus
Unten links Lotosaurus, rechts Riojasuchus.
Bilder: Stephen Brusatte, Columbia University

Bisher wird allgemein angenommen, der größte Teil der Reptiliengruppe Archosauria sei aufgrund der Überlegenheit der Dinosaurier verdrängt worden. Nur die Krokodile als eine Untergruppe fanden eine Nische, während die meisten Vertreter der Gruppe der Crurotarsi ausstarben. Tatsächlich aber waren die Dinos in der Trias vor 251 bis 199 Mio. Jahren den Crurotarsi keineswegs überlegen, schreiben jetzt Forscher im Magazin „Science“. Stephen Brusatte vom American Museum of National History in New York und Michael Benton von der Universität Bristol meinen, nur Zufall und Glück könnten den Dinosauriern den Weg bereitet haben.

Die Forscher stützen ihre These auf einen detaillierten Vergleich der Gruppen Archosauria und Dinosauria in der Trias. Weil aus jener Epoche eine große Zahl von Skeletten überliefert ist, konnten die Forscher 437 anatomische Besonderheiten von 64 Arten miteinander vergleichen.

Beider Aufstieg begann vor rund 235 Mio. Jahren. Und für die Crurotarsi sah es im Vergleich zu den Dinosauriern gut aus: Unter den Crurotarsi gab es eine doppelt so große Vielfalt an Arten, die mal zwei- und mal vierfüßig unterwegs waren, die teils Pflanzen fraßen und teils auf die Jagd nach Fisch und Fleisch gingen. Auch Allesfresser gab es bereits unter ihnen. Rein äußerlich sahen manche Vertreter der Crurotarsi den Dinosauriern so ähnlich, dass sie in den Anfängen der Paläontologie fälschlich für solche gehalten wurden. Offenbar konnte dieser Teil der Archosaurier bis ans Ende der Trias mit der Evolution der Dinosaurier nicht nur locker mithalten, sondern die konkurrierende Reptiliengruppe an Artenreichtum deutlich übertrumpfen, bilanzieren Brusatte und Benton.

Morphospace der Saurier-Arten Die Grafik zeigt den so genannten „Morphospace“ der Reptiliengruppen in der Trias. Jeder Punkt darin steht für eine Art, der Abstand der Punkte verdeutlicht den Grad der morphologischen Nähe unter den Arten. Dass die Crurotarsi einen größeren Raum einnehmen, belegt ihre größere Vielfalt im Vergleich zu Dinosauriern und Pterosauriern (Flugsauriern). Grafik: Simon Powell, University of Bristol

„Wenn wir uns mitten in der Trias befinden würden – sagen wir mal, vor vielleicht 210 Mio. Jahren -, und wir müssten wetten, welche Gruppe künftig die Welt dominieren werde, dann spräche alle Vernunft für die Crurotarsi“, sagt Brusatte.

Warum waren aber die Dinosaurier letztlich erfolgreicher? Nur diese überlebten den deutlichen Einschnitt von der Trias zur Jura vor 199 Mio. Jahren. Zu jener Zeit muss es einen deutlichen Klimaschock mit einer globalen Erwärmung gegeben haben, möglicherweise ausgelöst durch den Einschlag eines Asteroiden. Viele Tierarten starben aus, darunter auch alle Crurotarsi mit Ausnahme einiger Krokodil-Arten. Die Dinosaurier dagegen überstanden den Einschnitt und konnten danach mangels Konkurrenz mehr als 100 Mio. Jahre lang die Tierwelt dominieren.

Einen wirklichen Grund, so haben Brusatte und Benton jetzt gezeigt, gibt es dafür eigentlich nicht. „Warum sind die Crurotarsi ausgestorben und nicht die Dinosaurier“, fragt sich Brusatte; „wir kennen die Antwort nicht, aber wir vermuten, dass es schlicht und einfach nur Glück war.“ Nach Meinung der Forscher könnte der Zufall in der Evolution eine viel größere Rolle spielen, als ihm die Wissenschaft bisher zugestehen mag.

Forschung: Stephen L. Brusatte, Columbia University / American Museum of Natural History, New York; Michael J. Benton, University of Bristol; Marcello Ruta, Graeme T. Lloyd; in „Science“ Vol. 321, 12.9.2008, pp 1485-1488

Weiter im Web:
Archosauria
American Museum of Natural History

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