Urzeiträuber ohne Biss

Eines der ersten großen Raubtiere der Erdgeschichte hatte eine erstaunlich weiche Seite. Diesen Schluss legen Modellrechnungen amerikanischer Forscher nahe. Die robust erscheinenden Mundplatten des gut einen Meter langen Anomalocaris waren demnach kaum geeignet, die Panzer von Trilobiten zu knacken.

Grafik: Renato de carvalho ferreira via Wikimedia.org (Creative Commons Attribution 3.0 Unported)

Anomalocaris lebte vor gut einer halben Milliarde Jahre und damit in geologischen Maßstäben unmittelbar nach dem Auftauchen der ersten größeren Tiere mit festen Körperstrukturen. „Bislang nahm man an, dass er die Meere des Kambriums durchstreifte und Trilobiten und eigentlich auch alles andere verschlang“, erklärt James Hagadorn vom Denver Museum of Nature and Science.

Entfernt an eine übergroße Garnele mit stachelbesetzten Klauen erinnernd, hätte Anomalocaris demnach eine ähnliche ökologische Rolle übernommen wie heute Schwertwal und Weißer Hai. Das Fehlen versteinerter Beutereste in den fossilen Eingeweiden des mutmaßlichen Spitzenräubers und die Tatsache, dass dessen äußeres Skelett nicht mineralisiert war, ließen Hagadorn allerdings an dieser Vermutung zweifeln.

Gemeinsam mit zwei Kollegen entwickelte der Paläontologe ein dreidimensionales Computermodell von Mundwerkzeugen, Mund und Schlund des urzeitlichen Tieres. Mit diesem Modell schätzten sie dann, wie stark sich die kräftig wirkenden Mundplatten von Anomalocaris beim Biss auf verschiedene Trilobiten des Kambriums verformten. Das überraschende Resultat: Selbst wenn die Stabilität der Trilobiten ähnlich niedrig angesetzt wurde wie die von frisch gehäuteten Krabben, sagte das Modell ein Versagen der Mundplatten voraus. Anomalocaris hätte sich an Trilobiten also mit hoher Wahrscheinlichkeit die „Zähne“ ausgebissen.

Dass an den fossilen Mundwerkzeugen keinerlei Verschleißspuren zu erkennen sind und dass Anomalocaris sein Maul bestenfalls zur Hälfte schließen konnte, sind laut Hagadorn weitere Faktoren, die nicht in das Bild eines Räubers mit kräftigem Biss sprechen. „Vielleicht saugte er die Beute ja ein und spie sie dann wieder aus“, spekuliert der Forscher.

Forschung: James W. Hagadorn, Department of Earth Sciences, Denver Museum of Nature and Science; Mariel T. Schottenfeld und Daniel McGowan, Department of Geology und Department of Mechanical Engineering, University of Massachusetts, Amherst; präsentiert auf dem 2010 Annual Meeting of the Geological Society of America, Denver; #125-1, Proceedings 42(5), p 320

Weiter im Web:
Earth Sciences, Denver Museum of Nature and Science
Anomalocaris canadensis
Creatures of the Burgess Shale

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