Fossile Skelette: Verkrümmung erst bei der Zersetzung

Viele fossile Tiere wurden in einer verkrümmten Körperhaltung gefunden, die von Wissenschaftlern häufig als Zeichen von Todeskrämpfen interpretiert wurde. Zwei Forscher aus Basel und Mainz kommen dagegen nach Versuchen zu dem Schluss, dass die bizarren Verbiegungen erst während der Zersetzung der Tierleichen eintraten.

Fossiles Skelett von Compsognathus longipes mit überstrecktem Hals Überstreckte Haltung beim „Compsognathus longipes“ aus der Fossillagerstätte bei Solnhofen. Foto: G. Janßen, O. Rauhut, Bayerische Staatssammlung für Paläontologie und Geologie

Viele Saurier-Skelette werden so wie der hier gezeigte „Compsognathus longipes“, ein Fleischfresser von der Größe eines Truthahns, gefunden: Der Kopf und der Schwanz sind häufig stark über den Rücken gebogen. Bereits vor rund hundert Jahren diskutierten Forscher, ob diese Haltung von Fossilien ein Stein gewordener Ausdruck ihres Todeskampfes darstellt. Später vermutete man, die verkrampfte Haltung sei auf das Austrocknen von Sehnen, Bändern und Muskeln oder die Leichenstarre zurückzuführen.

Nun haben Achim G. Reisdorf von der Universität Basel und Michael Wuttke von der Direktion Landesarchäologie in Mainz das Phänomen erneut überprüft. Dazu benutzten sie eben jenen „Compsognathus longipes“, der Mitte des 19. Jahrhunderts in der Nähe der bayerischen Ortschaft Solnhofen ausgegraben wurde. Der Dinosaurier fand vor 150 Millionen Jahren sein Grab in den Ablagerungen einer tropischen Lagune.

„Dass die an Land lebenden Wirbeltiere nach ihrem Tod ins Wasser gelangten und ihre Kadaver zum Meeresgrund absanken, war für uns ein kritischer Punkt“, sagt Reisdorf. Zusammen mit Michael Wuttke machte er sich Erkenntnisse der Rechts- und Veterinärmedizin zunutze und setzte in einem Experiment gerupfte Hühnerhälse unterschiedlichen Bedingungen aus.

Schon das Eintauchen in Wasser krümmte die Hälse um mehr als 90 Grad rückwärts. Im Laufe der unter Wasser stattfindenden Zersetzung nahm die Krümmung immer stärker zu, berichten die Forscher. Verantwortlich ist dafür ein Band, das sogenannte Ligamentum elasticum, das die Wirbel vom Hals bis zum Schwanz oberseitig miteinander verbindet. Dieses ist so vorgespannt, dass es einen starken Zug zwischen den Wirbeln ausübt. Diese Bandstruktur ist auch bei Reptilien und Säugetieren ausgebildet.

„Ein starkes Ligamentum elasticum war für Dinosaurier mit langen Hälsen und Schwänzen von grosser Bedeutung. Das Band half ihnen, Energie zu sparen – andernfalls hätten Hals und Schwanz über Muskelarbeit gegen die Schwerkraft aufrecht gehalten werden müssen“, sagt Wuttke.

Gelangten die Tiere nach ihrem Tod unter Wasser, konnten sich diese Zugkräfte entfalten, da im Wasser die Wirkung der Schwerkraft weitgehend aufgehoben ist. Mit der voranschreitenden Zersetzung krümmten sich Kopf und Schwanz der Saurierleichen immer weiter über den Rücken. All diese Prozesse lassen sich am teilweise zerfallenen Skelett von Compsognathus Schritt für Schritt nachvollziehen. „Demzufolge bestimmten nicht Todeskrämpfe, sondern allein biomechanische Gesetze die bizarre Haltung der Dinosaurierskelette in ihrem Wassergrab“, folgern die Forscher.

Forschung: Achim G. Reisdorf, Universität Basel und Michael Wuttke, Direktion Landesarchäologie, Referat Erdgeschichte, Mainz; veröffentlicht in „Palaeobiodiversity and Palaeoenvironments“ 92(1), 8.2.2012, doi: 10.1007/s12549-011-0068-y

Weiter im Web:
Abstract in „Palaeobiodiversity and Palaeoenvironments“
Dinosaurier Compsognathus

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