Quastenflosser: Evolution in kleinsten Schritten

Der Körperbau von Quastenflossern hat sich seit rund 400 Millionen Jahren nicht grundlegend verändert. Das behindert die Fische aber offenbar nicht dabei, sich genetisch an ihre Umwelt anzupassen. Deutsche und afrikanische Forscher haben an 71 Exemplaren der „lebenden Fosilien“ die genetischen Unterschiede ermittelt, die in verschiedenen Regionen auftreten.


Grafik: Robbie Cada /Fishbase via Wikipedia

Bisherige genetische Studien konzentrierten sich meist auf die Verwandtschaftsverhältnisse von Quastenflossern zu Lungenfischen und Landwirbeltieren. Um zu beurteilen, ob die Fische sich noch an neue Umweltbedingungen anpassen können, muss man dagegen die genetische Vielfalt innerhalb der Art kennen. Zu diesem Zweck untersuchte das Forscherteam 71 Exemplare von verschiedenen Fundorten an der Ostküste Afrikas. Es analysierte genetische Marker aus dem Zellkern und aus den Mitochondrien, den Kraftwerken der Zellen.

Die Daten ergaben generell eine geringe genetische Diversität, berichten die Forscher um Kathrin Lampert vom Lehrstuhl für Evolutionsökologie und Biodiversität an der Ruhr-Universität Bochum. Wie vermutet schreitet die Evolution der Tiere also nur langsam voran. Das Forschungsteam identifizierte aber auch genetische Muster, die nur in bestimmten geographischen Regionen vorkommen.

„Wir nehmen an, dass die afrikanischen Quastenflosser ursprünglich von den Komoren kamen, die die größte bekannte Population beherbergen“, sagt Lampert. Seitdem hätten sich zwei weitere, inzwischen unabhängige Populationen in Südafrika und Tansania etabliert. Außerdem sollen die Tiere auf den Komoren zu zwei genetisch unterscheidbaren Gruppen gehören, schreibt das Forschungsteam im Fachmagazin „Current Biology“.

„Wir konnten damit zeigen, dass sich Quastenflosser trotz ihrer langsamen Evolutionsrate immer noch weiterentwickeln und so potenziell auch an neue Umweltbedingungen anpassen können“, sagt Lampert. „Das Bild der Quastenflosser als passive Überbleibsel längst vergangener Zeiten muss deshalb relativiert werden.“

Quastenflosser, Latimeria chalumnae, galten als ausgestorben, bis Marjorie Courtenay-Latimer 1938 ein lebendes Individuum auf einem Fischerboot entdeckte. Seitdem wurden vor der Küste Ostafrikas mehr als 100 Exemplare gefunden, die meisten vor den Komoren. Vermutlich existieren auf der Welt nur noch wenige hundert Exemplare, die stark vom Aussterben bedroht sind.

„Quastenflosser sind nahe Verwandte des letzten gemeinsamen Vorfahrens von Fischen und Landwirbeltieren und deshalb von großem wissenschaftlichem Interesse“, so Lampert. „Aus ihrer Untersuchung erhoffen wir uns neue Erkenntnisse über einen der großen Schritte der Evolution: Die Besiedlung des Landes.“

Forschung: Kathrin P. Lampert, Hans Fricke, Karen Hissmann, Jürgen Schauer, Katrin Blassmann, Benjamin P. Ngatunga, Manfred Schartl; veröffentlicht in Current Biology, doi: 10.1016/j.cub.2012.04.053

Weiter im Web:
Abstract in “Current Biology”
Lehrstuhl Evolutionsökologie und Biodiversität, Ruhr-Universität Bochum

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