Frühe Anpassungskünstler

Auf der Insel Rusinga im kenianischen Teil des Viktoriasees belegen fossile Funde erstmals, dass die frühesten Menschenartigen auch im Wald lebten. Angewiesen waren sie auf diesen Lebensraum aber offenbar nicht.

Die Savanne, die heute so charakteristisch für große Landstriche Afrikas ist, gab es vor 18 Millionen Jahren noch nicht. Stattdessen waren große Teile Afrikas dicht bewaldet. Im kenianischen Teil des Viktoriasees auf der Insel Rusinga haben Forscher ein fossil erhaltenes Waldstück aus jener Zeit – dem frühen Miozän – entdeckt und untersucht. „Seit den 1940er Jahren wird in Rusinga nach Fossilien gesucht. Aber erst jetzt wurden diese Baumstämme gefunden“, sagt Thomas Lehmann, der für die Senckenberg Gesellschaft für Naturforschung an der Auswertung des Fundes beteiligt war. Blätter, Baumstümpfe, Stämme, Wurzelsysteme, Wirbeltiere und wirbellose Tiere – die Wissenschaftler sehen in der Fundstelle eine ganze Lebensgemeinschaft dokumentiert. Unter anderem identifizierten sie fossile Überreste von Proconsul, einer der ältesten Gattungen von Menschenartigen (Hominoiden).

Proconsul_Senckenberg_400 Der frühe Menschenartige Proconsul in einem dichten, tropischen Jahreszeitenwald, in dem es feucht-warm war. Abbildung: Jason Brougham/Senckenberg Forschungsinstitut und Naturmuseen

Proconsul ist durch zahlreiche Fossilien an verschiedenen Fundstellen Ostafrikas belegt. Aber an welchen Lebensraum dieser Affe angepasst war, blieb unbekannt. „Frühere Arbeiten an den Fossilien-Fundstellen auf Rusinga deuteten auf eine Vielfallt gegensätzlicher Umweltvorlieben des Proconsul hin. Keine dieser früheren Arbeiten konnte den Proconsul eindeutig einem spezifischen Habitat zuordnen“, sagt Daniel Peppe von der texanischen Baylor University.

Anatomisch scheint der Proconsul vielseitig in seiner Fortbewegungsweise: Sein großer Zeh und die Art, wie die Muskeln daran angesetzt haben müssen, deuten darauf hin, dass er mit den Füßen greifen konnte. Aber Schulter, Ellenbogen und Arme zeigen, dass er sich auch auf allen Vieren fortbewegte. Proconsul war für das Leben im Wald geeignet, konnte aber auch in offenen Landschaften zurechtkommen. Mit dem neuen Fund ist jetzt sicher, dass die Art zumindest für einige Zeit auch im Wald vorkam. Dank des detailliert erhaltenen fossilen Waldstücks auf Rusinga können die Wissenschaftler den Lebensraum des frühen Menschenartigen genau rekonstruieren.

Die fossilen Bäume sind mit Wurzeln und so gruppiert erhalten, wie sie einmal gewachsen sind. Die Forscherinnen und Forscher konnten daher ausmessen, wie weit die Bäume auseinander standen, wie breit die Stammdurchmesser waren und wie viel Blattmasse anfiel. Daraus lässt sich berechnen, wie dicht und feucht der Urwald war. In diesem Wald waren neben den frühen Menschenartigen auch verschiedene Nagetiere, Fleischfresser und Eichhörnchen beheimatet. Es war ein sehr dichter Wald mit großen, ein Kronendach bildenden Bäumen von bis zu 160 Zentimetern Stammdurchmesser. Doch gab es diesen Wald nur für eine begrenzte Zeit. Spuren des Proconsul dagegen finden sich auch in anderen Grabungsschichten. Für diese Hominoiden war das Leben im Wald also nur eine neben anderen Optionen – was zeigt, dass die ältesten Menschenartigen über große Anpassungsfähigkeit in dynamischen Lebensräumen verfügten.

Forschung: Lauren A. Michel, Daniel J. Peppe, Thomas Lehmann, Sheila Nightingale u.a.; Veröffentlichung in “Nature Communications” 5, Article 3236, 18.2.2014, doi:10.1038/ncomms4236

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Abstract in Nature Communications
Proconsul – Evolution der Primaten
Paläoanthropologie am Senckenberg Forschungsinstitut