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Kannibalismus unter Sauriern

Zeichnung: Demetrios Vital, University of Minnesota
Rekonstruktion des Majungatholus atopus
Zeichnung: Demetrios Vital, University of Minnesota

Amerikanische Forscher haben erstmals Kannibalismus unter Dinosauriern nachgewiesen. Demnach hat ein vor 65 bis 70 Millionen Jahren lebender Fleischfresser, dessen fossile Spuren auf Madagaskar gefunden wurden, regelmäßig seinesgleichen verspeist. An den Knochen der Tiere fanden die Forscher deutliche Spuren, die auf die Zähne der eigenen Art hinweisen. Das berichten sie im Magazin "Nature".

Das Team um den Geologen Raymond Rogers vom Macalester College in St Paul, Minnesota, hatte Fossilien des Majungatholus atopus untersucht. Dieser rund neun Meter große, aufrecht gehende Fleischfresser jagte nach Erkenntnis der Forscher zahlreiche Dinosaurier, darunter auch die riesigen, schwerfälligen Titanosauriden. Doch auch vor seinen Artgenossen machte er nicht Halt, wie Bissspuren an den Knochen der Majungatholus-Saurier beweisen. Die Abdrücke, die die Zähne beim Zerfleischen hinterließen, überführen den Majungatholus eindeutig.

Ein Irrtum sei ausgeschlossen, beteuert Rogers. Sein Team habe zum Vergleich Berichte über Tausende Bissverletzungen unter Sauriern herangezogen, sei aber auf keine vergleichbaren Fälle gestoßen. "Wir haben die Kiefer und Zähne aller anderen bekannten Fleischfresser auf Madagaskar verglichen, darunter auch den wesentlich kleineren Carnosaurier Masiakasaurus knopfleri und zwei große Krokodile", so Rogers. Doch nur der Majungatholus selbst komme als Verursacher der gefundenen Verletzungen in Frage.

Mit dem kleinen Coelophysis bauri aus der Trias stand schon einmal ein Dinosaurier im Verdacht, Kannibale gewesen zu sein: Im Bauch fossiler Exemplare wollten Forscher entsprechende Knochen gefunden haben. Eine Neubewertung dieser Funde lässt es allerdings zweifelhaft erscheinen, dass Coelophysis tatsächlich seinesgleichen fraß. Trotzdem überrascht es Rogers nicht, jetzt erstmals Kannibalismus unter Sauriern nachweisen zu können. Immerhin gebe es derartige Ernährungsweisen heute bei zahlreichen Tierarten, darunter allein 14 Säugern.

Unklar ist noch, ob Majungatholus seine Artgenossen tötete oder nur deren Kadaver fraß. Auf jeden Fall sei der Kannibalismus ein Zeichen dafür, dass der Saurier unter schwierigen Bedingungen gelebt habe, so Rogers. Auf Madagaskar habe zu Lebzeiten der Tiere ein wechselhaftes Klima mit häufigen Dürrezeiten geherrscht. Vermutlich sei Kannibalismus die einzige Möglichkeit für den Saurier gewesen, ständig wiederkehrendem Futter- und Wassermangel zu begegnen.

Foto: Greg Helgeson, Macalester College
Schädel eines Majungatholus atopus
Foto: Greg Helgeson, Macalester College

Quelle: Nature, 3.4.2003
Forschung: Raymond R. Rogers, Geology Department, Macalester College, St Paul, Minnesota; David Krause, Department of Anatomical Sciences, State University of New York, Stony Brook; Kristina Curry Rogers, Department of Paleontology, Science Museum of Minnesota; in "Nature" Vol. 422, 3.4.2004, pp 515-518


© 2003 by Stefan Jacobasch

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